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 root GSV  Veranstaltungen  Groß-Seminare   10.11.2017 in Hannover - Rückblick

Rückblick Groß-Seminar 'Gerüstbau 4.0: Was bedeutet der digitale Wandel für den eigenen Betrieb?' am 10./11. November 2017 in Hannover

Am 10. und 11. November 2017 fand in Hannover das Groß-Seminar „Gerüstbau 4.0: Was bedeutet der digitale Wandel für den eigenen Betrieb?“ des Güteschutzverbandes Stahlgerüstbau e. V. und der Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk statt.

Die hohe Teilnehmerzahl hat uns sehr gefreut und zeigt, dass die Themenwahl erneut auf sehr großes Interesse gestoßen ist.

Das Gerüstbauer-Handwerk muss sich nicht erst in der Zukunft, sondern bereits heute den digitalen Herausforderungen stellen. In der Produktfertigung ist der kontinuierliche Prozess der digitalen Weiterentwicklung bereits sehr weit fortgeschritten. Industrie 4.0 bringt dort mit modernen Informations- und Kommunikationstechniken einen erneuten Innovationsschub.

Als Auftaktveranstaltung und allgemeine Einführung zum aktuellen Jahresthema fand am 10. März 2017 das Technik-Seminar „Arbeitsvorbereitung und digitaler Wandel“ in Gladbeck statt. Das Thema „Gerüstbau 4.0: Was bedeutet der digitale Wandel für den eigenen Betrieb“ wurde nun in dem Groß-Seminar 2017 intensiviert.

Für die Unternehmen ist es in Zukunft wichtig, eine Änderung ihrer traditionellen, funktionsorientierten hin zu einer prozessorientierten Sichtweise auf die Abläufe vorzunehmen. Hierzu gehört die Identifikation der Kernprozesse im Unternehmen; es entsteht eine Fokussierung auf die wertschöpfungsintensiven und wettbewerbskritischen Bereiche der betrieblichen Leistungserstellung.
 
Durch die Digitalisierung werden große Teile der Geschäftsprozesse automatisiert und beschleunigt. Durch Datenaufbereitung, Datenweiterleitung und Datenverteilung gewinnt das Unternehmen neue Informationen mit großem Aussagegehalt. Dies führt zu einer ständigen Weiterentwicklung des Prozessmanagements, Schwachstellen werden sichtbar bzw. akuter Handlungsbedarf wird angezeigt.

Die digitale Kundenpflege und Akquisition mit CRM (Customer-Relationship-Management = Kundenbeziehungsmanagement) trägt zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit bei. Es wurden interessante Beispiele des Nutzerverhaltens in Bezug auf Social Media dargelegt – diesem etablierten Trend kann sich das Gerüstbauer-Handwerk nicht entziehen. Die e-Vergabe (elektronische Annahme von Angeboten sowie die elektronische Kommunikation bis zur Zuschlagserteilung) ist ab 1. Januar 2020 zwingend gefordert.

An einem Praxisbeispiel des Neubaus der Rheinbrücke Schierstein (Mainz-Wiesbaden) wurde eine Gerüstplanung im 3D Gesamtmodell vorgestellt. Ein immenser Vorteil neben der räumlich visualisierten Darstellungsweise der Gerüstkonstruktion ist die Ableitung der Montagepläne, Stücklisten sowie eingesetzter Materialpreis. Dies ist die Grundlage für BIM-Objekte (Building Information Modeling = Bauwerksdatenmodellierung), bei denen geometrische Daten mit weiteren detaillierten Informationen, wie z. B. Werkstoffe, Gewichte, Hersteller, angereichert werden. Zusätzliche Dimensionen, wie Kosten und Zeit, sind mit den Modellen verknüpft. Architekten, Kalkulatoren, Bauleiter, SiGekos, Statiker und Facility Manager leiten ihre Informationen daraus ab.

Es wurde bei den Vorträgen aber auch deutlich, dass der Entwicklungsstand hinsichtlich der BIM-fähigen Programme bzw. Schnittstellen noch ausbaufähig ist. Auch die Auswirkungen auf die Vertragsgestaltung in Bezug auf die Haftung bei BIM-Projekten sind für den Unternehmer nicht unproblematisch; das Nachtragsmanagement kann aufgrund der Transparenz Vorteile mit sich bringen.

Ein Gerüstbauunternehmer stellte eine weitere Möglichkeit zur Objekterfassung von 3D-Modellen für die Gerüstplanung durch Luftaufnahmen mit einem Multicopter vor. Dieser liefert nicht nur beeindruckende Bilder aus der Vogelperspektive, sondern leistet präzise Vermessungsarbeit zur Erstellung einer Gerüstkonstruktion. Auf Grundlage dieser Daten erfolgt die Gerüstplanung, die Schnittstellenkommunikation zwischen Unternehmer und Statiker ist somit auch bei komplexen Gerüstbaukonstruktionen gewährleistet.

Ein weiterer Kernprozess im Gerüstbau ist die Logistik mit Materialidentifikation sowie Materialdisposition. Effizienter Materialeinsatz durch optimierte Lagerlogistik erhöht die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens. Erfassen der Gerüstmaterialien durch Aufbringung von QR-Codes auf die Gerüstbauteile ermöglicht die Registrierung in einer Datenbank. Durch Scannen werden wichtige Informationen sichtbar, wie z. B. Geo-Lokalisierungsdaten.

Für die Bauausführung wurde eine Projektmanagementssoftware vorgestellt, die eine effiziente Kommunikation zwischen den Beteiligten auf der Baustelle sicherstellt. Routinekontrollen mit Hilfe von angelegten Checklisten können vom Bauleiter durchgeführt werden. Spezielle Informationen über das Bauwerk oder eine Aufbau- und Verwendungsanleitung können ebenfalls über die Planungssoftware abgerufen werden. Hilfestellungen und Fehlerbehebungen, Fotos und Berichte werden kommuniziert und dokumentiert. Über QR-Codes auf den Gerüsteinheiten erfolgt die Visualisierung der jeweiligen Position in der Gesamtkonstruktion.

Auch das Thema „Arbeitssicherheit“ wird bei Gerüstbau 4.0 über eine Unternehmens-Cloud gemanagt, die als mobile Dateninfrastruktur den Baubeteiligten einen optimierten Informationsfluss gewährleistet. Gefährdungsbeurteilungen, Montageanleitungen und Baustellenprotokolle werden mobil (über Tablets) übermittelt. Die Projektdaten und Gerüstkonstruktionen werden den Monteuren visuell vorgestellt, die Zeiterfassung und Baustellendokumentation (z. B. Fotos und Übergabebescheinigungen) im Projektordner synchronisiert.

Mit großen Schritten bewegen wir uns im Zeitalter der Digitalisierung zum papierlosen Büro. Am Beispiel der elektronischen Rechnung (e-Rechnung = Rechnung, die in einem elektronischen Format ausgestellt und empfangen wird, z.B. per E-Mail) wurde deutlich, welche gesetzlichen Anforderungen bzgl. der Vorsteuerabzugsberechtigung unbedingt einzuhalten sind. Gemäß Anforderung der Finanzverwaltung sind e-Rechnungen (z. B. per E-Mail) in gleicher originärer Form aufzubewahren. Sie dürfen nicht mehr ausschließlich in abgedruckter Form archiviert werden. Weiterhin wurde in mehreren interessanten Vorträgen deutlich, dass mit zunehmender Digitalisierung ein gut funktionierendes Dokumentenmanagement unverzichtbar ist.

Cybercrime kann jeden treffen – womit das Thema Datenschutz und Datensicherheit im Unternehmen fokussiert wurde. Im Arbeitsrecht ist über das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) der Schutz der persönlichen Daten des Einzelnen (Beschäftigten) geregelt. Es muss darauf geachtet werden, dass z. B. bei einer GPS-Ortung die Persönlichkeitsrechte des Arbeitnehmers nicht verletzt werden und zu welchem Zweck die Datenerhebung, z. B. Arbeitszeitkontrolle, durchgeführt wird.

Ein weiteres interessantes Themenfeld an der Schnittstelle von Mensch, Organisation und Technik sind die Herausforderungen, die sich durch den digitalen Wandel zwangsläufig ergeben. Um Menschen und Organisationen fit zu machen für den ,,digitalen Arbeitsplatz von Morgen‘‘ bedarf es mehr als Technik – es erfordert eine echte Transformation. Trotzdem gilt es, den digitalen Reifegrad für ein Unternehmen selbst kennen zu lernen und richtig einzuschätzen. Pragmatische Schritte in eine Vernetzung sind sinnvoller als digitaler Aktionismus. Auch im digitalen Zeitalter steht der Mensch im Vordergrund, emotionale Mitarbeiterbeziehungen gehören weiterhin zu den wichtigsten Charaktereigenschaften aller Mitarbeiter eines Unternehmens.  

Thematisch aufgelockert wurde das Groß-Seminar auch durch Exkurse, wie „Besonderheiten bei Bauablaufstörungen“ sowie „Preisermittlung und Angebotsstrategie“. Beide Themen steuern einen wesentlichen Anteil zu einer erfolgreichen Auftragsabwicklung bei: So sind zusätzliche Vergütungsansprüche bzw. Schadensersatzansprüche durch verschuldete Verzögerungen des Bauablaufs gemäß VOB und BGB durchsetzbar, ein Nachweis der Ansprüche wurde mit einem ausführlichen Beispiel vorgetragen.

Ein aus der Praxis anschauliches Kalkulationsmodell mit einer vereinfachten Preisfindung zur Einrüstung unterschiedlicher geometrischer Baukörper gab erkenntnisreiche Ergebnisse bei der Ermittlung der kalkulierten Einheitspreise.

'Gerüstbau 4.0: Was bedeutet der digitale Wandel für den eigenen Betrieb?' Kreativität, Problemlösungskompetenz und Prozessdenken. Es wurden beeindruckende Beispiele des digitalen Handwerks, z. B. in einer Tischlerei und Bäckerei, aufgezeigt.

Die Digitalisierung wird in Zukunft die Berufe und deren Tätigkeiten verändern, neue Berufe werden entstehen sowie ein radikales Umdenken in den Unternehmen wird erfolgen.   

Die umfassenden Teilnehmerunterlagen, die allen Besuchern am Seminarende zur Verfügung gestellt wurden, sind immer wieder ein äußerst beliebtes Nachschlagewerk.
Über die tolle Atmosphäre vor Ort mit gut gelaunten und interessierten Menschen haben wir uns sehr gefreut.

An dieser Stelle möchten wir uns nochmals bei allen Beteiligten, insbesondere den Referenten und den vielen Teilnehmern, bedanken.

Wir würden uns sehr freuen, wenn das Groß-Seminar auch im nächsten Jahr wieder auf Ihr reges Interesse stößt und wir Sie erneut oder erstmalig als Teilnehmer begrüßen können!

Nächster Termin:
09./10. November 2018
im Maritim Airport Hotel Hannover