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 root GSV  Veranstaltungen  Technik- Seminare   08.03.2019 in Würzburg - Resümee

 

Technik-Seminar "Der Spuk mit der Statik - Orientierungshilfen im Dickicht gesetzlicher und technischer Regeln" am 08.03.2019 in Würzburg 

Das diesjährige Technik-Seminar fand mit dem Thema „Der Spuk mit der Statik – Orientierungshilfen im Dickicht gesetzlicher und technischer Regeln“ am 8. März 2019 mit 334 Teilnehmern im Maritim Hotel Würzburg statt.

Das Programm sah wie folgt aus:

Die Veranstaltung des diesjährigen Technik-Seminars war eine hervorragende Gelegenheit für alle Unternehmer und Fachleute, sich nicht nur in Sachen Gerüststatik weiterzubilden, sondern auch wertvolle Informationen und Orientierungshilfen in Baurecht und Bauordnung sowie der Technischen Regelwerke, Normung und Abrechnung zu erhalten.

Auch ohne die „Übersetzungshilfen von Langenscheidt, Statiker-Gerüstbauer bzw. Gerüstbauer-Statiker“, ist es evident, eine gemeinsame verständliche Baustellenkommunikation zwischen Tragwerksplaner und Ersteller der Gerüstkonstruktion sowie den Prüfsachverständigen für Standsicherheit zu pflegen.

Hierzu zeigte ein historischer Exkurs zu Zeiten Hammurabis und dessen älteste bekannte Gesetzessammlung, dass die Einhaltung verbindlicher Vorschriften für Bauprodukte und Bauwerke notwendig war, um den drakonischen Strafen des babylonischen Königs zu entgehen.

Die Notwendigkeit, Anforderungen an die Güte der Baustoffe festzulegen war auch im Altertum bekannt und wurde durch den römischen Baumeister und Architekten Vitruvius in einem zehnbändigen Werk über das Bauen und über die zu verwendenden Baumaterialien behandelt. Die praktische Erfahrung, überlieferte handwerkliche Regeln und nicht zuletzt die sich entwickelnde Wissenschaft mit Beginn der Neuzeit (Mathematik, Physik und Technische Mechanik) führten vom Erfahrungswissen der Baumeister zu dem theoretischen Wissen der Ingenieure.

Bauprodukte, die nach allgemein anerkannten Regeln der Technik hergestellt werden, zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei bestimmungsgemäßer Verwendung die Aufnahme auftretender Beanspruchungen bei planmäßigem Einsatz sicherstellen. Zu beachten ist dann die entsprechende Kennzeichnung und der Nachweis der tatsächlichen Eigenschaften des Bauprodukts.

Teil der allgemein anerkannten Regeln der Technik sind die sog. Produktnormen (z. B. DIN EN 12810-1) und Bemessungsnormen (z. B. DIN EN 12811-1) unterschieden.

In Bezug auf den Gerüstbau wird der Begriff „Bauprodukt“ auf europäischer Ebene und in Deutschland unterschiedlich behandelt. Nach europäischen Verordnungen und Richtlinien ist ein Gerüst kein Bauprodukt, sondern ein Arbeitsmittel. In Deutschland hingegen gelten Gerüste und Gerüstbauteile bauordnungsrechtlich als Bauprodukte, für die herstellerseitig der Brauchbarkeitsnachweis, z. B. in Form einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung, zu erbringen ist.

Auch aus baurechtlicher Sicht ergeben sich innerhalb Deutschlands in den Bundesländern unterschiedliche Regelungen in den Landesbauordnungen. In Bayern werden Gerüste explizit aus dem Geltungsbereich der Bauordnung ausgeschlossen, in den restlichen Bundesländern werden Gerüste in der Bauordnung als bauliche Anlagen angesehen (außer in Baden-Württemberg).

Doch was sind nun bauliche Anlagen?

Als bauliche Anlagen gelten aus Bauprodukten zusammengesetzte Konstruktionen, die mit dem Baugrund fest verbunden sind, wobei auch ein Auflagern durch Eigengewicht als feste Verbindung gewertet wird. Somit sind Gerüste bauliche Anlagen, für die ein Bauantrag erforderlich wird.

Das hat aber wiederum nur zum Teil Auswirkungen, denn sprichwörtlich gilt hier: „Ausnahmen bestätigen die Regel“.

Meistens (außer in Bremen, Hamburg und Hessen) werden die Gerüste in den Paragraphen zur Verfahrensfreiheit als genehmigungsfrei behandelt, d. h. vom Baugenehmigungsverfahren ausgenommen.

Doch was passiert, wenn das Gerüst nicht die Kriterien der Genehmigungsfreiheit erfüllt, sei es durch seine Komplexität, z. B. bei Wetterschutzeinhausungen oder beispielsweise in Bremen und Hessen für Gerüsthöhen über 24 Meter?

Dann erfolgt der sofortige Baustopp durch die Bauaufsicht und die Nachforderung eines Bauantrags mit Statik und Nachweis der Prüfung durch einen Prüfingenieur. Dies kann Bauverzögerungen und hohe Kosten verursachen, deshalb gilt im Zweifelsfall immer im Vorfeld eine Anfrage bei der Bauaufsichtsbehörde zu stellen. Auch bei Baumaßnahmen in der Industrie kann ohne bauaufsichtliches Erfordernis eine privatrechtliche Prüfung durch einen Prüfsachverständigen durch den Bauherren angeordnet werden.

Vom Dickicht der baurechtlichen Regelungen und bautechnischen Prüfungen zur Weitsicht der Tragwerksplaner und deren Anwendung von Normen und technischen Regelwerken:

Welche Angaben benötigt der Tragwerksplaner für die Ausführung des Standsicherheitsnachweises des Gerüsts?

Hier wurden interessante Praxisbeispiele von Gerüstkonstruktionen (u. a. Modulgerüst als Sonderkonstruktion über einer Satteldachfläche) aus Sicht des Gerüsterstellers und des Statikers aufgezeigt.

Wie gestalte ich eine effiziente Preisanfrage für einen Standsicherheitsnachweis beim Statiker?

Es zeigt sich, dass die Schnittstelle Gerüstersteller und Statiker gut funktionieren, d. h. ein wechselseitiges Verständnis der Aufgabenstellung vorhanden sein muss, um für ein gutes Gelingen (aus technischer und wirtschaftlicher Sicht) beizutragen.

Was beinhaltet eine Gerüstkonstruktion in der Regelausführung und wo sind die Grenzen (aus statischer Sicht) gesetzt?

Ausgewählte Systemkonfigurationen von Rahmen- und Modulgerüsten in der Regelausführung wurden ausführlich vorgestellt sowie deren häufig vorkommende Abweichungen in der Praxis.

Mittels grafischer Darstellungen und Verformungsbildern konnte der elastisch-plastische Ausnutzungsgrad der unteren Gerüststiele innerhalb einer Gerüstkonstruktion unter verschiedenen Einflüssen (Spindelauszugslänge, fehlende Diagonale oder Längsriegel) sehr gut nachvollzogen werden.

Der häufig in der Praxis verwendete Begriff der „Knicklänge“ wird wohl bei allen Teilnehmern nachhaltig in Erinnerung bleiben und an Bedeutung zunehmen. Genau dieser Punkt sollte für den Gerüstersteller immer wieder im Fokus stehen.

Auch die Anwendung von Bemessungstabellen, z. B. bei Gitterüberbrückungen, ersetzt nicht immer zwingend die Ausführung einer statischen Berechnung.

Hier sind exakt die Einhaltung der Randbedingungen (= Herstellerangaben bzgl. Auflagerung und knotennaher Lasteinleitung) zu beachten. Auch die Verteilung der Lasten auf den Ober- und Untergurt ist statisch besonders zu beachten.

Eine zuvor bereits gestellte freundliche Aufforderung an die Hersteller bezüglich einer Typenprüfung von Wetterschutzdächern wäre auch im Sinne einer Klärung der v. g. Problematik (z. B. durch Versuche?) wünschenswert.

Zu jedem Technik-Seminar gehört im Kontext zu den technischen Themen auch immer die wirtschaftlich/vertragliche Ausarbeitung des Themas. Die Leistungsabgrenzung von besonderen Leistungen bzw. Nebenleistungen gem. DIN 18451 wurde erörtert, mit besonderem Bezug auf funktionale Ausschreibungen und dem daraus folgenden Planungs- und Kalkulationsrisiko des Unternehmers. Hier gab es wichtige Tipps und Anregungen, aber auch Negativbeispiele einer nicht gelungenen technischen Bearbeitung anhand von Ausführungsbeispielen bei größeren Baustellen.

Verschiedene Kalkulations- und Abrechnungsbeispiele für Grundleistungen und besondere Leistungen der Tragwerksplanung gemäß HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) in unterschiedlichen Leistungsphasen wurden vorgestellt.

Alle Teilnehmer konnten wichtige Erkenntnisse und Orientierungshilfen aus gesetzlicher Sicht bzw. der Vorgaben technischer Regelwerke mit nach Hause nehmen.

Die umfassenden Teilnehmerunterlagen tragen zur Themenvertiefung und als sehr beliebtes Nachschlagewerk dazu bei, dass das Thema Statik, gleichbedeutend einer „Geistererscheinung“, zukünftig vom Fachbetrieb fundierter bearbeitet werden kann.

An dieser Stelle möchten wir allen Beteiligten, insbesondere den Referenten und den vielen Teilnehmern, Danke sagen.

Wir würden uns sehr freuen, wenn unsere nächsten Seminare auch wieder auf Ihr reges Interesse stoßen!

Bitte notieren Sie sich bereits jetzt:
Groß-Seminar: am 8./9. November 2019
im Maritim Airport Hotel Hannover!